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Vagusnerv aktivieren durch Summen: die Sekunden-Übung

Summen wirkt unscheinbar – und ist doch eine der einfachsten Übungen, um das Nervensystem beim Herunterfahren zu unterstützen. Der Schlüssel liegt in der langen Ausatmung und der sanften Vibration im Hals.

Frau sitzt ruhig mit geschlossenen Augen, eine Hand locker auf dem Brustkorb, und summt mit langer Ausatmung
Inhalt
  1. Wie Summen den Vagusnerv anspricht
  2. Die Sekunden-Übung Schritt für Schritt
  3. Was schnell wirkt – und was Wochen braucht
  4. Weitere Übungen für den Vagusnerv
  5. Was der Vagusnerv im Körper macht
  6. Häufige Fragen

Ein tiefer, brummender Ton beim Ausatmen – mehr braucht diese Übung nicht. Summen gilt als eine der zugänglichsten Methoden, um den Parasympathikus anzusprechen, jenen Teil des Nervensystems, der für Ruhe und Erholung zuständig ist. Der zentrale Nerv dahinter ist der Vagusnerv. Wichtig vorweg: Summen ist kein Schalter, der Anspannung wegdrückt. Es ist ein kleines, verlässliches Mikro-Ritual, das sich fast überall einbauen lässt – im Auto, am Schreibtisch oder als ruhiger Baustein am Abend. Seinen Effekt entfaltet es vor allem über die verlängerte Ausatmung.

Wie Summen den Vagusnerv anspricht

Der Vagusnerv steuert einen grossen Teil der unbewussten „Ruhefunktionen" des Körpers. Er ist eng mit dem Atem gekoppelt: Beim Einatmen beschleunigt sich der Herzschlag leicht, beim Ausatmen wird er wieder langsamer. Dieses Zusammenspiel nennt man respiratorische Sinusarrhythmie, und es ist ein Fenster auf die Aktivität des Vagusnervs. Wer die Ausatmung bewusst verlängert, dehnt genau die Phase, in der der Nerv am aktivsten ist. Summen erzwingt eine solche lange, gleichmässige Ausatmung fast von selbst, weil der Ton nur so lange trägt, wie Luft ausströmt.

Neben der Atmung wird ein zweiter Weg diskutiert: die Vibration. Beim Summen schwingen die Stimmlippen und der Kehlkopfbereich, und genau dort verlaufen Äste des Vagusnervs. Studien deuten darauf hin, dass tönende Übungen mit einer Beruhigung verbunden sein können – eine kleine Bildgebungsstudie beobachtete beim langgezogenen „OM"-Summen eine gedämpfte Aktivität in Hirnregionen, die mit Erregung und Stress in Verbindung stehen. Auch ist bekannt, dass Summen die Menge an Stickstoffmonoxid in den Nasennebenhöhlen deutlich erhöht. Wie stark die Vibration selbst zur Beruhigung beiträgt, ist allerdings weniger gut belegt als der Effekt der langsamen Ausatmung. Sicher ist: Beides zieht in dieselbe Richtung.

Die Summ-Übung in Kürze

Die Sekunden-Übung Schritt für Schritt

Das Schöne an dieser Übung: Sie braucht kein Zubehör, keinen Ort und keine besondere Vorbereitung. Entscheidend ist nicht Lautstärke oder Tonhöhe, sondern eine ruhige, verlängerte Ausatmung. Setzen Sie den Ton so, dass er sich angenehm anfühlt und leicht im Brustkorb spürbar wird.

1. Bequem hinsetzen und einatmen

Setzen Sie sich aufrecht, aber locker hin, und lassen Sie die Schultern sinken. Atmen Sie ruhig durch die Nase ein – etwa drei bis vier Sekunden lang, ohne die Lunge maximal zu füllen. Es geht nicht um tiefes Pressen, sondern um einen entspannten, unangestrengten Atemzug. Die Augen dürfen offen bleiben oder sich schliessen, ganz wie es sich stimmiger anfühlt.

2. Tief und lang aussummen (6–8 Sekunden)

Lassen Sie beim Ausatmen einen tiefen, gleichmässigen Summton entstehen – ein sanftes „Mmmm" mit geschlossenen Lippen. Halten Sie den Ton etwa sechs bis acht Sekunden, so lange die Luft ruhig ausströmt. Sie sollten die Vibration leicht an Lippen, Nase und Brustkorb spüren. Pressen Sie nicht bis zum letzten Rest Luft, sondern hören Sie auf, bevor es unangenehm wird.

3. Sechs- bis zehnmal wiederholen

Nach jedem Summton kurz ruhig einatmen und den nächsten beginnen. Sechs bis zehn Wiederholungen ergeben eine Runde von ein bis zwei Minuten. Zwei bis drei solcher Runden über den Tag verteilt – etwa am Morgen, vor einem Termin und am Abend – sind ein guter Einstieg. Wenn Ihnen dabei schwindlig wird, machen Sie eine Pause und atmen normal weiter; das ist ein Zeichen, ruhiger und weniger stark auszuatmen.

6–8 Sek.Länge eines tiefen Summtons pro Ausatmung
6–10×Wiederholungen für eine Runde von 1–2 Minuten
2–4 Wochenbis sich die Herzratenvariabilität in Studien verändert

Was schnell wirkt – und was Wochen braucht

Hier lohnt sich eine ehrliche Einordnung, denn im Netz kursieren grosse Versprechen. Zwei Zeithorizonte sollte man auseinanderhalten. Kurzfristig kann sich schon nach wenigen Minuten ein Gefühl von Ruhe einstellen, und der Puls wird während der langen Ausatmung etwas langsamer. Das ist der unmittelbare, spürbare Teil. Langfristig verändert sich mit regelmässiger Übung ein Marker namens Herzratenvariabilität (HRV) – ein Mass dafür, wie flexibel der Körper zwischen Anspannung und Erholung wechselt. Solche Anpassungen zeigen sich in Untersuchungen zu langsamer Atmung eher nach Wochen als nach Minuten.

EffektZeithorizontWas Sie bemerken
Ruhigeres Gefühl, langsamerer AtemMinutendirekt während und kurz nach der Übung
Leicht sinkende HerzfrequenzMinutender Puls wird bei der langen Ausatmung ruhiger
Höhere Herzratenvariabilität (HRV)2–4 Wochennur bei regelmässiger Übung, meist nur messbar
Gelassenerer Umgang mit AnspannungWochensubjektiv und individuell verschieden

Realistische Erwartung heisst also: Summen kann in wenigen Sekunden ein Ruhesignal setzen, ersetzt aber keine dauerhafte Veränderung, die Übung, Schlaf und Alltag zusammen bewirken. Wer nach einer einzigen Runde keine „Erleuchtung" spürt, macht nichts falsch – der eigentliche Wert liegt in der Wiederholung. Ähnlich wie bei langsamen Atemübungen für mehr Ruhe zählt hier die Regelmässigkeit mehr als die einzelne perfekte Sitzung.

Einordnung: Summen ist Selbstfürsorge und Wohlbefinden – kein Heilmittel und kein Ersatz für eine Behandlung. Die Übung kann das Herunterfahren unterstützen, sie „repariert" aber keinen Nerv und heilt keine Erkrankung. Bei anhaltender innerer Unruhe, Herzrasen, Schwindel oder Angst, die den Alltag belasten, gilt: bei anhaltenden oder ernsten Beschwerden ärztlichen Rat einholen.

Weitere Übungen für den Vagusnerv

Summen ist ein Weg von mehreren, die alle denselben ruhigen, langsamen Rhythmus teilen. Wer Abwechslung mag, kann kombinieren, was gerade passt:

Manche mögen zusätzlich ein ruhiges Getränk als Anker – etwa einen beruhigenden Tee bei innerer Unruhe. Wichtig ist weniger die einzelne Zutat als das Signal an den Körper, dass jetzt eine ruhige Phase beginnt. Gemeinsam ist all diesen Übungen, dass sie langsam, freiwillig und ohne Leistungsdruck geschehen.

Was der Vagusnerv im Körper macht

Der Vagusnerv – der Name kommt vom lateinischen Wort für „umherschweifend" – ist der längste der zwölf Hirnnerven. Er zieht vom Hirnstamm hinunter zu Rachen, Herz, Lunge und weit in den Bauchraum. Als Hauptnerv des parasympathischen Systems steht er für „Ruhe und Verdauung": Er verlangsamt in Entspannung den Herzschlag, unterstützt die Verdauungsbewegungen und wirkt dem aktivierenden Sympathikus entgegen. Fachleute beschreiben ihn zudem als wichtige Verbindung der Darm-Hirn-Achse, also der Kommunikation zwischen Verdauungstrakt und Gehirn.

Ein grosser Teil der Fasern des Vagusnervs leitet Signale von den Organen zurück zum Gehirn – der Nerv „meldet" also laufend, wie es im Körper steht. Weil er so eng an Atem und Herzschlag gekoppelt ist, lässt sich seine Aktivität indirekt über die Herzratenvariabilität abschätzen. Eine höhere HRV gilt allgemein als Zeichen guter Erholungsfähigkeit. Übungen wie Summen setzen genau an dieser Kopplung an – nicht, indem sie den Nerv „stärker" machen, sondern indem sie ihm über die Atmung häufiger Gelegenheit geben, die Ruhefunktionen zu übernehmen.

Häufige Fragen

Wie aktiviert Summen den Vagusnerv?

Summen verlängert vor allem die Ausatmung, und während des Ausatmens steigt die Aktivität des Vagusnervs, wodurch der Herzschlag etwas langsamer wird. Zusätzlich erzeugt der Ton eine sanfte Vibration im Kehlkopf. Studien deuten darauf hin, dass langsames Ausatmen den beruhigenden Parasympathikus anspricht; die Rolle der Vibration selbst ist weniger gut untersucht.

Wie lange und wie oft sollte man summen?

Ein tiefer Summton von etwa sechs bis acht Sekunden pro Ausatmung, sechs- bis zehnmal wiederholt, ergibt eine Runde von ein bis zwei Minuten. Zwei bis drei solcher Runden über den Tag verteilt sind ein guter Anfang. Wichtiger als die Dauer einer einzelnen Übung ist die Regelmässigkeit über Wochen.

Welche Übungen beruhigen den Vagusnerv noch?

Neben Summen gelten langsames Atmen mit betonter Ausatmung, sanftes Gurgeln, kühle Reize im Gesicht sowie Singen als Wege, den Parasympathikus anzusprechen. Auch körperliche Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelentspannung können unterstützen. Gemeinsam ist ihnen ein ruhiger, langsamer Rhythmus.

Wie schnell spürt man eine Wirkung?

Ein Gefühl von Ruhe und ein leicht langsamerer Puls können sich schon nach wenigen Minuten einstellen. Messbare Veränderungen der Herzratenvariabilität, einem Marker für die Erholungsfähigkeit, zeigen sich in Studien eher nach zwei bis vier Wochen regelmässiger Übung. Sofortwirkung und langfristige Anpassung sind zwei verschiedene Dinge.

Was macht der Vagusnerv im Körper?

Der Vagusnerv ist der längste Hirnnerv und ein zentraler Teil des parasympathischen Nervensystems. Er verbindet das Gehirn mit Herz, Lunge und Verdauungsorganen, verlangsamt in Ruhe den Herzschlag und unterstützt die Verdauung. Er gilt zudem als wichtige Verbindung der sogenannten Darm-Hirn-Achse.

Quellen

  1. Breit S et al. Vagus Nerve as Modulator of the Brain-Gut Axis in Psychiatric and Inflammatory Disorders. Frontiers in Psychiatry. 2018. DOI: 10.3389/fpsyt.2018.00044
  2. Zaccaro A et al. How Breath-Control Can Change Your Life: A Systematic Review on Psycho-Physiological Correlates of Slow Breathing. Frontiers in Human Neuroscience. 2018. DOI: 10.3389/fnhum.2018.00353
  3. Kalyani BG et al. Neurohemodynamic correlates of 'OM' chanting: A pilot functional magnetic resonance imaging study. International Journal of Yoga. 2011. DOI: 10.4103/0973-6131.78171
  4. Weitzberg E, Lundberg JON. Humming greatly increases nasal nitric oxide. American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine. 2002. DOI: 10.1164/rccm.200202-138BC
  5. Laborde S et al. Effects of voluntary slow breathing on heart rate and heart rate variability: A systematic review and meta-analysis. Neuroscience & Biobehavioral Reviews. 2022. DOI: 10.1016/j.neubiorev.2022.104711