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Übersäuerung durch Ernährung: Mythos oder Realität?

"Sauer macht krank", heisst es oft. Doch kann Ernährung den Körper wirklich übersäuern? Der entscheidende Schritt ist, zwei völlig verschiedene Bedeutungen des Wortes sauber zu trennen.

Farbenfrohe Auswahl an frischem Gemüse und Obst auf einem hellen Küchentisch, daneben ein Glas Wasser mit Zitronenscheibe
Inhalt
  1. Zwei Bedeutungen, ein Wort
  2. Kann der Körper durch Ernährung übersäuern?
  3. Was der PRAL-Wert wirklich misst
  4. Warum sich viele mit basischer Kost besser fühlen
  5. Bringt eine basische Ernährung etwas?
  6. Häufige Fragen

Kaum eine Ernährungsidee hält sich so hartnäckig wie die von der Übersäuerung: Kaffee, Fleisch und Zucker sollen den Körper sauer machen, basische Kost ihn wieder ins Gleichgewicht bringen. Der Haken liegt im Wort selbst. Hinter "Übersäuerung" stecken zwei völlig verschiedene Dinge, die kaum ein Ratgeber sauber trennt – das eine ist ein medizinischer Notfall, das andere eine nüchterne Rechengrösse aus der Ernährungswissenschaft. Wer beide auseinanderhält, versteht schnell, was an der basischen Ernährung dran ist und was nicht.

Zwei Bedeutungen, ein Wort

Wenn von Übersäuerung die Rede ist, sind fast immer zwei Ebenen gemeint, die nichts miteinander zu tun haben. Genau diese Verwechslung ist der Grund, warum das Thema so viele Missverständnisse erzeugt. Trennt man die beiden Bedeutungen, löst sich der scheinbare Widerspruch zwischen Wissenschaft und Alltagsgefühl fast von allein auf.

Die medizinische Azidose – ein Notfall

In der Medizin bezeichnet Azidose einen tatsächlich zu sauren pH-Wert des Blutes. Sie ist ein ernster Zustand, der im Spital behandelt wird, und entsteht nicht durch das Frühstück, sondern durch Krankheiten: durch eine entgleiste Zuckerkrankheit etwa, durch eine Nieren- oder eine Lungenschwäche. Das Blut eines gesunden Menschen gleitet niemals in diesen Bereich ab, ganz gleich, wie die Mahlzeit aussieht.

Die alltägliche Säurelast der Ernährung

Die zweite Bedeutung ist harmloser. Jede Mahlzeit hinterlässt im Stoffwechsel eine gewisse Säure- oder Basenlast – je nachdem, welche Mineralstoffe und Eiweisse beim Abbau übrig bleiben. Diese Säurelast ist messbar und real, verschiebt aber nicht den pH-Wert des Blutes. Sie zeigt sich stattdessen im Urin, den der Körper je nach Kost saurer oder basischer einstellt. Genau diese Grösse meinen Fachleute, wenn sie sachlich über Säure sprechen – nicht den dramatischen Notfall.

Übersäuerung in Kürze

Kann der Körper durch Ernährung übersäuern?

Die kurze Antwort lautet: bei gesunden Menschen nicht. Der Körper hält den pH-Wert des Blutes in einem sehr engen Fenster zwischen etwa 7,35 und 7,45 – und er verteidigt diesen Bereich mit bemerkenswerter Konsequenz. Dafür sorgen drei Systeme, die ineinandergreifen.

Erstens fangen chemische Puffer im Blut überschüssige Säuren sofort ab. Zweitens atmen wir über die Lunge Kohlendioxid aus, das wie eine Säure wirkt – schneller oder langsamer, je nach Bedarf. Drittens scheiden die Nieren Säuren mit dem Urin aus und übernehmen die Feinabstimmung über Stunden. Dieses Zusammenspiel ist so robust, dass einzelne Mahlzeiten den Blut-pH praktisch nicht bewegen. Ähnlich wie beim populären Detox-Gedanken gilt: der Körper reguliert sich selbst und braucht dafür keine Kur – warum die Leber keine Entgiftung von aussen benötigt, lesen Sie im Beitrag zum Detox-Mythos rund um die Leber.

Was sich sehr wohl ändert, ist der pH-Wert des Urins. Nach einer fleischreichen Mahlzeit wird er saurer, nach viel Gemüse basischer. Ein basischer Urin ist deshalb kein Beweis für einen "entsäuerten" Körper, sondern schlicht das sichtbare Zeichen, dass die Nieren ihre Arbeit tun. Wer also mit Teststreifen den Morgenurin misst, beobachtet die Ausscheidung – nicht den Zustand des Blutes.

7,35–7,45enger pH-Bereich, in dem der Körper das Blut konstant hält
±0Verschiebung des Blut-pH durch eine einzelne Mahlzeit
≥400 gObst und Gemüse pro Tag – Empfehlung der WHO

Was der PRAL-Wert wirklich misst

Um die Säurelast von Lebensmitteln zu beziffern, nutzt die Ernährungswissenschaft den PRAL-Wert, kurz für potenzielle renale Säurelast (potential renal acid load). Er schätzt anhand von Eiweiss- und Mineralstoffgehalt, ob ein Lebensmittel im Stoffwechsel eher Säuren oder Basen hinterlässt. Ein positiver Wert bedeutet säurebildend, ein negativer basenbildend. Wichtig bleibt der Bezugspunkt: Der PRAL beschreibt die Wirkung auf den Urin, nicht auf das Blut.

Grob gilt eine Faustregel: Eiweissreiche tierische Produkte wie Käse, Fleisch und Fisch bilden Säuren, während Gemüse, Obst und Kartoffeln basenbildend wirken. Die folgenden Richtwerte gehen auf die klassische Übersicht von Remer und Manz zurück und sind gerundet.

LebensmittelPRAL (mval/100 g)Wirkung im Stoffwechsel
Hartkäse (z. B. Emmentaler)ca. +19stark säurebildend
Fleisch und Wurstca. +8 bis +11säurebildend
Fischca. +7 bis +8säurebildend
Brot und Teigwarenca. +3 bis +7leicht säurebildend
Milch und Joghurtca. +1nahezu neutral
Kartoffelnca. −4basenbildend
Obst (Apfel, Banane)ca. −3 bis −6basenbildend
Gemüse (Spinat, Fenchel)ca. −4 bis −14stark basenbildend

Man erkennt das Muster sofort: Die basenbildenden Zeilen sind genau jene Lebensmittel, zu denen ohnehin fast jede Ernährungsempfehlung rät. Wer die Säurelast senken will, landet automatisch bei mehr pflanzlicher, frischer Kost – ein Effekt, den auch eine bewusst saisonale Ernährung mit viel frischem Gemüse ganz nebenbei mit sich bringt.

Einordnung: Ein saures Lebensmittel im Mund macht den Körper nicht sauer, und ein basenbildendes "entsäuert" ihn nicht. Zitrone und Apfelessig etwa schmecken sauer, gelten im Stoffwechsel aber als basenbildend – ein gutes Beispiel dafür, dass Geschmack und PRAL-Wert nichts miteinander zu tun haben. Ob ein Glas verdünnter Apfelessig am Morgen etwas bringt, hängt also nicht von einer Entsäuerung ab.

Warum sich viele mit basischer Kost besser fühlen

Wenn Ernährung den Blut-pH nicht verschiebt – warum berichten dann so viele Menschen, dass es ihnen mit basischer Kost besser geht? Die Antwort liegt nicht im Säure-Basen-Haushalt, sondern auf dem Teller. Wer basisch isst, stellt seine Ernährung meist grundlegend um: mehr Gemüse, Obst und Hülsenfrüchte, dafür weniger Fleisch, Zucker, Alkohol und stark verarbeitete Produkte.

Diese Umstellung entspricht fast eins zu eins dem, was Fachgesellschaften ohnehin für eine ausgewogene Ernährung empfehlen. Mehr Ballaststoffe, mehr Flüssigkeit über wasserreiches Gemüse, weniger Zucker und Alkohol – dass sich das positiv auf Wohlbefinden, Verdauung und Energie auswirken kann, ist wenig überraschend. Wer zusätzlich auf Bitterstoffe für eine angenehme Verdauung achtet, verstärkt diesen Alltagseffekt noch. Der Gewinn kommt also von den Lebensmitteln selbst, nicht von einer veränderten Säure.

Das erklärt auch, warum die basische Ernährung so überzeugend wirkt: Die Umstellung funktioniert tatsächlich – nur nicht aus dem Grund, der ihr nachgesagt wird. Es ist ein klassisches Beispiel dafür, wie ein richtiges Ergebnis mit einer falschen Begründung verkauft wird.

Bringt eine basische Ernährung etwas?

Als Sammelbegriff für "viel pflanzlich, wenig verarbeitet" ist eine basische Ernährung durchaus sinnvoll und deckt sich mit gängigen Empfehlungen. Problematisch wird sie erst dort, wo sie mehr verspricht, als sie halten kann – etwa wenn teure Basenpulver, Basenbäder oder strenge Kuren den Körper angeblich entsäuern sollen.

Für solche Versprechen fehlt die Grundlage. Systematische Übersichtsarbeiten fanden keine belastbaren Belege dafür, dass die Säurelast der Ernährung bei gesunden Menschen die Knochen schwächt, und ebenso wenig, dass eine basische Kost vor Krebs schützt. Studien deuten eher darauf hin, dass der Nutzen im gesamten Ernährungsmuster liegt und nicht in einzelnen pH-Kennzahlen. Wer sich an mehr Gemüse und Obst hält, macht also vieles richtig – ganz ohne teure Zusatzprodukte.

Gut zu wissen: Eine ausgewogene, überwiegend pflanzliche Ernährung ist Selbstfürsorge und Wohlbefinden – kein Heilmittel. Basenpulver oder strenge Basenkuren sind für gesunde Menschen nicht nötig und ersetzen keine medizinische Behandlung. Anhaltende Müdigkeit, Verdauungsprobleme oder andere Beschwerden können viele Ursachen haben; bei anhaltenden oder ernsten Beschwerden ärztlichen Rat einholen.

Häufige Fragen

Kann der Körper durch Ernährung übersäuern?

Bei gesunden Menschen nicht. Der Körper hält den pH-Wert des Blutes durch Lunge, Nieren und chemische Puffer sehr eng zwischen etwa 7,35 und 7,45. Einzelne Mahlzeiten verschieben diesen Wert praktisch nicht. Eine echte Übersäuerung des Blutes, die Azidose, entsteht nicht durch normale Ernährung, sondern durch Krankheiten wie eine entgleiste Zuckerkrankheit oder eine Nieren- oder Lungenschwäche.

Was ist der Unterschied zwischen Azidose und Übersäuerung?

Azidose ist ein medizinischer Fachbegriff für ein tatsächlich zu saures Blut und ein behandlungsbedürftiger Notfall. Die alltagssprachliche Übersäuerung meint dagegen meist die Säurelast der Ernährung, also wie viel Säure der Stoffwechsel aus einer Mahlzeit bildet. Beides wird oft verwechselt, betrifft aber völlig verschiedene Dinge.

Was sagt der PRAL-Wert aus?

Der PRAL-Wert (potenzielle renale Säurelast) schätzt, ob ein Lebensmittel im Stoffwechsel eher Säuren oder Basen bildet. Ein positiver Wert wie bei Käse oder Fleisch gilt als säurebildend, ein negativer wie bei Gemüse oder Obst als basenbildend. Er beschreibt die Wirkung auf den Urin, nicht auf das Blut.

Warum fühlen sich manche mit basischer Kost besser?

Eine basische Ernährung besteht vor allem aus viel Gemüse und Obst und enthält weniger Fleisch, Zucker, Alkohol und stark verarbeitete Produkte. Diese Umstellung entspricht gängigen Empfehlungen für eine ausgewogene Ernährung. Der Nutzen kommt also wahrscheinlich von den Lebensmitteln selbst, nicht von einem veränderten pH-Wert.

Bringt eine basische Ernährung überhaupt etwas?

Als Sammelbegriff für viel pflanzlich und wenig verarbeitet kann sie sinnvoll sein und deckt sich mit gängigen Ernährungsempfehlungen. Studien stützen dagegen nicht die Vorstellung, dass sie den Körper entsäuert oder Krankheiten heilt. Sie ersetzt keine ärztliche Behandlung; bei anhaltenden Beschwerden ärztlichen Rat einholen.

Quellen

  1. Remer T, Manz F. Potential renal acid load of foods and its influence on urine pH. J Am Diet Assoc. 1995. DOI: 10.1016/S0002-8223(95)00219-7
  2. Fenton TR, Huang T. Systematic review of the association between dietary acid load, alkaline water and cancer. BMJ Open. 2016. DOI: 10.1136/bmjopen-2015-010438
  3. Fenton TR, Tough SC, Lyon AW, Eliasziw M, Hanley DA. Causal assessment of dietary acid load and bone disease: a systematic review & meta-analysis applying Hill's epidemiologic criteria for causality. Nutr J. 2011. DOI: 10.1186/1475-2891-10-41
  4. World Health Organization (WHO): Healthy diet. Fact sheet. Genf.
  5. Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE): Schweizer Lebensmittelpyramide. Bern.